Sarajevos Trams: Geschichte auf Schienen
Wie die Straßenbahn Sarajevo zusammenhält — und was sie über die Stadt verrät
Autor: Mila Čengić
Die Bim — Sarajevos ältestes Verkehrsmittel mit Charakter
In Sarajevo nennen wir die Straßenbahn Bim. Nicht Tram, nicht Straßenbahn — Bim. Der Name kommt vom Klang der alten Glocke, die der Fahrer läutete, wenn jemand zu nah an die Gleise trat. Dieses Wort existiert nur hier. Und das sagt schon alles darüber, wie tief die Straßenbahn in der DNA dieser Stadt verwurzelt ist.
Ich bin mit der Bim aufgewachsen. Meine Großmutter, Nana Fatima, hat sie als Kind genommen, um vom Baščaršija-Markt nach Hause zu kommen, mit Netztaschen voller Gemüse und einer Geschichte auf den Lippen. Meine Mutter ist in den 1970ern damit zur Schule gefahren. Und ich? Ich fahre sie heute noch — nicht aus Nostalgie, sondern weil sie schlicht die beste Art ist, Sarajevo zu verstehen.
1895: Der erste Funke — und warum Sarajevo Pionier war
Am 1. Januar 1895 fuhr in Sarajevo die erste elektrische Straßenbahn Südosteuropas. Das ist keine Kleinigkeit. Zur damaligen Zeit war Sarajevo unter österreichisch-ungarischer Verwaltung, und die Habsburger hatten Großes vor mit dieser Stadt. Die Strecke führte zunächst vom Bahnhof bis zur Baščaršija — also genau durch das Herz der Stadt, entlang der Miljacka.
Zum Vergleich: Wien bekam seine elektrische Straßenbahn erst 1897. Belgrad 1894, ja — aber Sarajevo war trotzdem unter den ersten in der gesamten Region. Das vergessen die Leute gern. Man denkt an Sarajevo und denkt an Krieg, an Belagerung, an Trümmer. Dabei war diese Stadt einmal ein Ort, an dem Dinge zuerst passierten.
Die frühen Wagen kamen aus Wien, aus der Fabrik von Grazer Waggon- und Maschinenfabrik. Sie waren offen, mit Holzbänken, und die Fahrt kostete wenige Heller. Die Strecke wurde in den folgenden Jahren systematisch ausgebaut — bis 1914 gab es bereits ein Netz, das die osmanische Altstadt mit den neuen habsburgischen Vierteln verband. Das war politisch: Die Bahn verband zwei Welten, die sonst nebeneinander existierten.
Die Tram als sozialer Spiegel — wer fährt, wer nicht fährt
Wenn du verstehen willst, wie eine Stadt funktioniert, fahr mit ihrem öffentlichen Nahverkehr. Nicht mit dem Taxi, nicht mit Uber. Mit der Bim.
Auf der Linie 1, die von Baščaršija bis Ilidža fährt — knapp 12 Kilometer durch die gesamte Stadt — sitzt Sarajevo in Querschnitt. Am frühen Morgen: Bauarbeiter mit Thermosflaschen, Putzfrauen mit Schürzen unter dem Mantel, Schüler mit zu großen Rucksäcken. Mittags: Rentnerinnen mit Einkaufstaschen, Studenten mit Kopfhörern, Touristen mit aufgeschlagenen Google Maps. Abends: Paare, Betrunkene (die freundlichen), Teenager die auf dem Weg in die Baščaršija-Bars sind.
Die Bim kostet 1,80 KM — das sind knapp 92 Cent. Eine Fahrt. Wer eine Monatskarte hat, zahlt noch weniger. Das ist wichtig. In einer Stadt, in der die Arbeitslosigkeit strukturell hoch ist und viele Familien von unter 1.000 KM im Monat leben, ist die Tram kein Komfortmittel — sie ist Lebensader.
„Die Bim ist demokratisch", hat mir Amira einmal gesagt, meine Nachbarin aus Kovačići, die seit 30 Jahren jeden Morgen mit der Linie 3 zur Arbeit fährt. „Hier sitzt der Direktor neben dem Reinigungsmann. Und keiner weiß, wer wer ist."
Belagerung 1992–1995: Die Tram als Symbol des Überlebens
Das Kapitel, über das ich am schwersten schreibe — und das ich trotzdem schreiben muss, weil es die Tram-Geschichte Sarajevos am tiefsten prägt.
Während der Belagerung Sarajevos (1992–1995), der längsten Belagerung einer Hauptstadt in der Geschichte moderner Kriegsführung, fuhr die Tram weiter. Nicht immer. Nicht überall. Aber sie fuhr. Und das war ein politisches Statement.
Die Stadtregierung versuchte, den Betrieb so lange wie möglich aufrechtzuerhalten — nicht nur aus logistischen Gründen, sondern weil eine fahrende Tram bedeutete: Wir sind noch hier. Wir funktionieren noch. Wir geben nicht auf. Gleichzeitig war die Strecke entlang der Sniper Alley — der Ulica Zmaja od Bosne, heute die Hauptstraße zwischen dem Flughafen und der Innenstadt — lebensgefährlich. Fahrgäste wurden erschossen. Fahrer wurden erschossen.
Es gibt Fotos aus dieser Zeit: eine Tram, die durch eine menschenleere, graue Stadt fährt. Keine Werbung an den Seiten. Keine Passanten. Nur die Bahn auf den Gleisen, und irgendwo dahinter die Berge, von denen geschossen wurde. Diese Bilder haben sich in das kollektive Gedächtnis dieser Stadt eingebrannt.
Heute, wenn ich mit der Bim durch die Sniper Alley fahre — die jetzt Holiday Inn und moderne Bürotürme säumt — denke ich immer daran. Nicht als Tourist. Als jemand, der Familienmitglieder hat, die diese Jahre erlebt haben.
Das heutige Netz — Linien, Strecken, Realität
Sarajevos Straßenbahnnetz ist überschaubar, aber effektiv für das, was es leisten soll. Stand 2025 gibt es sieben Tramlinien, die alle entlang der Hauptachse der Stadt fahren — von Baščaršija im Osten bis Ilidža im Westen.
- Linie 1: Baščaršija → Ilidža (die Hauptlinie, fährt durch die gesamte Stadt)
- Linie 2: Baščaršija → Nedžarići
- Linie 3: Baščaršija → Ilidža (Express-Variante, weniger Haltestellen)
- Linie 4, 5, 6, 7: Kürzere Zubringerlinien in verschiedene Stadtteile
Die Wagen sind ein Mix aus Alt und Neu. Es gibt renovierte Tatra-Wagen aus tschechischer Produktion (die Veteranen des Netzes, die seit den 1980ern fahren), und seit einigen Jahren auch neue CAF Urbos-Niederflurwagen aus Spanien. Die neuen sind leiser, klimatisiert, barrierefrei. Die alten rumpeln und quietschen und riechen nach Metall und altem Leder — und ich liebe sie heimlich mehr.
Praktische Infos für Tramfahrer
| Info | Details |
|---|---|
| Einzelticket | 1,80 KM (ca. 0,92 €) — beim Fahrer oder an Kiosken |
| Tageskarte | 5,40 KM (ca. 2,76 €) |
| Monatskarte | ca. 40 KM (ca. 20 €) |
| Betriebszeiten | ca. 5:00–23:00 Uhr täglich |
| Takt | 5–10 Minuten (Hauptlinien), 15–20 Minuten (Nebenlinien) |
| Wichtigste Haltestelle | Baščaršija (Ausgangspunkt für Touristen) |
| Ticket entwerten | Unbedingt im Wagen entwerten — Kontrollen gibt es |
Tipp: Tickets kaufst du am günstigsten an den kleinen Kiosken (trafike) an den Haltestellen. Beim Fahrer direkt kostet es manchmal minimal mehr, und er hat nicht immer Wechselgeld.
Die Tram als Touristenerlebnis — aber bitte richtig
Ich sage das direkt: Wer nach Sarajevo kommt und nur Uber fährt, verpasst etwas Wesentliches. Die Bim ist kein Folkloreprodukt für Touristen — sie ist echter Alltag. Und genau deshalb ist sie für Besuchende so wertvoll.
Mein Tipp für deinen ersten Tag: Steig an der Haltestelle Baščaršija in die Linie 1 ein und fahr bis zur Endstation Ilidža. Die Fahrt dauert etwa 40 Minuten und kostet 1,80 KM. Du fährst dabei durch:
- Die osmanische Altstadt (Baščaršija)
- Das habsburgische Stadtzentrum (Marindvor, mit dem Rathaus Vijećnica rechts)
- Die sozialistischen Wohnblocks der Tito-Ära
- Die modernen Viertel am Stadtrand
- Das grüne Ilidža mit seinen Thermen und Parks
Das ist 500 Jahre Stadtgeschichte in 40 Minuten. Kein Museum der Welt macht das besser.
Setz dich ans Fenster. Schau raus. Hör zu, was die Leute reden — auch wenn du kein Bosnisch verstehst, hörst du den Rhythmus der Sprache, die Lautstärke, das Lachen. Und wenn dich jemand anlächelt, lächle zurück. Das ist Sarajevo.
Was die Tram über Sarajevos Zukunft sagt
Es gibt seit Jahren Debatten in der Stadtpolitik über die Modernisierung des Netzes. Neue Wagen wurden angeschafft, manche Strecken renoviert. Gleichzeitig ist das Netz in seiner Grundstruktur seit Jahrzehnten unverändert — es fährt immer noch hauptsächlich auf der Ost-West-Achse entlang der Miljacka, und die Stadtteile auf den Hügeln (Vratnik, Kovačići, Bjelave) sind nach wie vor nicht ans Tramnetz angeschlossen.
Das ist ein echtes Problem. Sarajevo ist eine Hangstadt — die Tram erreicht nur die Talsohle. Wer oben wohnt, fährt Bus oder geht zu Fuß. Eine Erweiterung des Netzes auf die Hügel würde Millionen kosten und ist politisch kompliziert (Sarajevo hat eine zergliederte Stadtverwaltung, die Entscheidungen erschwert).
Trotzdem: Die Bim wird bleiben. Davon bin ich überzeugt. Sie ist zu tief in dieser Stadt verwurzelt — historisch, emotional, praktisch. Wenn Sarajevo irgendwann eine moderne Stadtbahn bekommt, wird sie die Tram ergänzen, nicht ersetzen. Das wäre auch das Einzige, was Sinn ergibt.
FAQ
Wie viel kostet eine Tramfahrt in Sarajevo?
Ein Einzelticket kostet 1,80 KM (ca. 0,92 €). Eine Tageskarte gibt es für 5,40 KM. Tickets kaufst du am besten an den Kiosken (trafike) an den Haltestellen oder direkt beim Fahrer.
Welche Tramlinie ist für Touristen in Sarajevo am wichtigsten?
Die Linie 1 von Baščaršija nach Ilidža ist die wichtigste. Sie fährt durch die gesamte Stadt und verbindet alle historischen Schichten Sarajevos — osmanisch, habsburgisch, sozialistisch, modern. Die Fahrt dauert ca. 40 Minuten und kostet 1,80 KM.
Wann wurde die erste Straßenbahn in Sarajevo eröffnet?
Am 1. Januar 1895 — damit war Sarajevo eine der ersten Städte in Südosteuropa mit einer elektrischen Straßenbahn, noch vor Wien (1897).
Fährt die Sarajevo Tram noch während des Winters?
Ja, die Tram fährt das ganze Jahr über, täglich von etwa 5:00 bis 23:00 Uhr. Im Winter kann es bei starkem Schneefall zu Verspätungen kommen, aber der Betrieb wird grundsätzlich aufrechterhalten.
Kann ich in der Sarajevo Tram mit Karte bezahlen?
In der Regel nicht direkt beim Fahrer. Am sichersten ist Bargeld in KM (Konvertibilna Marka). Manche moderneren Kioske an Haltestellen akzeptieren Karte, aber verlasse dich nicht darauf.
Ist die Sarajevo Tram sicher?
Ja, vollkommen. Die Tram ist ein reguläres Alltagsverkehrsmittel, das von der gesamten Stadtbevölkerung genutzt wird. Kleinkriminalität ist in Sarajevo insgesamt sehr selten — auch im öffentlichen Nahverkehr. Wie überall: Tasche vorne tragen, Handy nicht demonstrativ zeigen.
Mein Fazit nach einem Leben in Sarajevo: Die Bim ist das ehrlichste Sarajevo-Erlebnis, das du haben kannst — und das günstigste. Kein geführter Rundgang, kein Museumsbesuch zeigt dir diese Stadt so ungeschminkt wie 40 Minuten im Tram-Wagen zwischen Baščaršija und Ilidža. Ich fahre sie seit meiner Kindheit, und sie überrascht mich noch immer. Manchmal sitzt du neben jemandem, der dir in zehn Minuten mehr über Sarajevo erzählt als jedes Reisebuch. Das ist die Magie der Bim. Nimm sie. Setz dich ans Fenster. Und lass die Stadt an dir vorbeiziehen.