Sarajevo aus dem Kaffeehaus — die literarische Stadt
Wo Bosanska Kafa, Bücher und Stadtgeschichte eine untrennbare Einheit bilden
Autor: Mila Čengić
Sarajevo liest — und das seit Jahrhunderten
Es gibt Städte, die man fotografiert. Und es gibt Städte, die man liest. Sarajevo ist eindeutig Letzteres. Ich bin hier aufgewachsen, habe als Kind in der Vijećnica zwischen Bücherstapeln gespielt, bevor die Granaten 1992 die Nationalbibliothek in Schutt und Asche legten. Ich habe gesehen, wie meine Großmutter Bücher aus dem Fenster warf — nicht aus Gleichgültigkeit, sondern um sie zu retten, bevor das Feuer sie erreichte. Literatur ist in Sarajevo keine Freizeitbeschäftigung. Sie ist Überlebensstrategie.
Das klingt dramatisch. Aber genau das ist Sarajevo: eine Stadt, die dramatisch ist, ohne es zu wollen. Und die ihre Dramatik am besten in kleinen, verrauchten Kaffeehäusern verarbeitet — mit einer Džezva auf dem Tisch und einem Buch in der Hand.
Dieser Artikel ist kein Kulturführer im klassischen Sinne. Er ist eine Einladung, Sarajevo so zu erleben, wie wir Einheimischen es kennen: langsam, lesend, mit dem Geschmack von Bosanska Kafa auf der Zunge.
Bosanska Kafa — das Fundament jedes literarischen Gesprächs
Bevor wir über Bücher sprechen, müssen wir über Kaffee sprechen. In Sarajevo geht das eine nicht ohne das andere. Die Bosanska Kafa ist kein Getränk — sie ist ein Ritual. Der Kaffee wird im Kupfer-Džezva dreifach aufgekocht, in kleine Tassen gegossen und mit Lokum (Würfelzucker) sowie Rahatlokum serviert. Man trinkt ihn langsam. Sehr langsam.
Die richtige Trinkweise: Den Würfelzucker in den Mund nehmen, dann den Kaffee durch ihn hindurchschlürfen. Nicht den Zucker in die Tasse werfen — das ist Touristenfehler Nummer eins, und jeder in der Runde wird es bemerken. Schweigend, aber es wird bemerkt.
Warum ist das relevant für die literarische Stadt? Weil die Bosanska Kafa Zeit erzwingt. Eine Tasse dauert mindestens 30 Minuten, wenn man sie richtig trinkt. In dieser Zeit wird geredet. Werden Bücher empfohlen. Werden Meinungen ausgetauscht. Wird Sarajevo erklärt. Das Kaffeehaus ist der natürliche Lebensraum des Sarajevoer Intellektuellen — seit dem Osmanischen Reich, durch die Habsburger-Ära, durch den Sozialismus, bis heute.
Ivo Andrić, Meša Selimović & Co. — die literarischen Väter der Stadt
Wer über Sarajevos Literatur spricht, kommt an drei Namen nicht vorbei:
Ivo Andrić (1892–1975) ist der bekannteste Schriftsteller, den Bosnien je hervorgebracht hat. Sein Roman Die Brücke über die Drina gewann 1961 den Nobelpreis für Literatur. Andrić schrieb über Bosnien als Ort des Aufeinandertreffens von Ost und West, von Islam und Christentum, von osmanischer und europäischer Welt. Er hat in Sarajevo studiert, hier wurde er verhaftet, hier hat er seine ersten Texte geschrieben. Wer die Baščaršija durchstreift und sich fragt, warum sich dieser Ort so schwer in Worte fassen lässt — Andrić hat die Antwort. Sie steht in seinen Büchern.
Meša Selimović (1910–1982) ist der zweite Gigant. Sein Roman Der Derwisch und der Tod gilt als eines der bedeutendsten Werke der südslawischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Eine Meditation über Macht, Glauben und das osmanische Bosnien. Selimović schrieb in einem Sarajevo, das sich gerade neu erfand — im Sozialismus, zwischen Tradition und Moderne. Diesen Widerspruch spürt man in der Stadt noch heute.
Aleksandar Hemon, geboren 1964 in Sarajevo, ist der zeitgenössische Stimme der Stadt. Er war 1992 als Stipendiat in Chicago, als der Krieg begann — und konnte nicht zurück. Seine Bücher, darunter Nowhere Man, kreisen um Sarajevo als verlorenes Paradies, als Stadt die existiert und gleichzeitig nicht mehr existiert. Hemon schreibt auf Englisch, was seine Reichweite erklärt. Auf Deutsch ist er leider noch zu wenig gelesen.
„Sarajevo ist eine Stadt, die man nicht verlassen kann, auch wenn man geht." — Aleksandar Hemon
Die Kaffeehäuser der Literaten — konkrete Adressen
Genug Theorie. Hier sind die Orte, an denen Sarajevo seine literarische Seele zeigt:
Café Tito — Nostalgie und Nostalgie-Ironie
Das Café Tito in der Marindvor-Gegend ist eine Institution. Die Wände sind voll mit Tito-Memorabilia, aber das Publikum ist jung, ironisch, literarisch. Hier sitzen Redakteure des Sarajevo Times, Übersetzer, Filmstudenten. Ein Cappuccino kostet 2 KM (ca. 1 Euro), und die Gespräche sind kostenlos — aber intensiv. Adresse: Ul. Maršala Tita, Marindvor. Öffnungszeiten: täglich 8–23 Uhr.
Knjižara Buybook — Buchhandlung mit Seele
Die Buybook-Buchhandlung in der Radićeva Straße ist mehr als eine Buchhandlung. Sie ist ein Kulturzentrum. Lesungen, Buchpräsentationen, Diskussionen — fast jede Woche passiert hier etwas. Das Sortiment ist auf Bosnisch, Kroatisch, Serbisch und Englisch. Andrić, Selimović, Hemon — alles da. Ich kaufe hier jedes Mal, wenn ich vorbeigehe, mindestens ein Buch. Adresse: Radićeva 4, Baščaršija. Öffnungszeiten: Mo–Sa 9–20 Uhr, So 10–18 Uhr.
Café Knez — das älteste Kaffeehaus der Baščaršija
Im Herzen der Baščaršija, keine 100 Meter vom Sebilj-Brunnen entfernt, liegt das Café Knez. Holztische, niedrige Decken, osmanische Atmosphäre. Hier trinkt man Bosanska Kafa so, wie sie seit Jahrhunderten getrunken wird. Kein WLAN, kein Smoothie-Menü, keine Instagram-Deko. Nur Kaffee, Lokum und Zeit. Preis: Bosanska Kafa 2–3 KM. Öffnungszeiten: täglich 8–22 Uhr.
Vijećnica — die wiedergeborene Nationalbibliothek
Die Vijećnica, das alte Rathaus und einstige Nationalbibliothek, ist vielleicht der symbolträchtigste Ort der literarischen Stadt. 1992 brannte sie ab — über 1,5 Millionen Bücher und unersetzliche Manuskripte wurden vernichtet. 2014 wurde sie restauriert und wiedereröffnet. Heute ist sie ein Kulturzentrum und Veranstaltungsort. Den Besuch sollte man einplanen — nicht nur wegen der maurisch-österreichischen Architektur, sondern wegen dem, was dieser Ort bedeutet. Eintritt frei. Öffnungszeiten: Mo–Fr 8–20 Uhr, Sa 9–17 Uhr. Adresse: Obala Kulina bana 1.
Galerija Collegium Artisticum — wo Literatur auf Kunst trifft
Wer Sarajevos kulturelle Gegenwart verstehen will, geht in die Galerija Collegium Artisticum in der Branilaca Sarajeva. Wechselausstellungen, oft begleitet von Buchpräsentationen und Lesungen lokaler Autoren. Der Eintritt ist meist frei oder symbolisch (1–2 KM). Öffnungszeiten: Mo–Fr 10–20 Uhr, Sa 10–15 Uhr.
Eine literarische Route durch Sarajevo — zu Fuß in 3 Stunden
Diese Route habe ich hundertfach gelaufen. Sie verbindet die wichtigsten literarischen Orte der Stadt auf einer Strecke von etwa 4 Kilometern:
- Start: Vijećnica (Obala Kulina bana 1) — 30 Minuten für die Innenräume
- Lateinerbrücke (5 Gehminuten) — wo 1914 Geschichte gemacht wurde, die Andrić in seiner Prosa vorwegnahm
- Baščaršija & Café Knez (10 Gehminuten) — Bosanska Kafa Pause, mindestens 30 Minuten
- Buybook Buchhandlung (5 Gehminuten) — Bücher kaufen, Empfehlungen holen
- Sebilj-Brunnen (3 Gehminuten) — kurze Pause, Tauben beobachten, Andrić lesen
- Marindvor & Café Tito (20 Gehminuten) — literarisches Gespräch beim Abschlusskaffee
Beste Zeit für diese Route: Vormittags ab 9 Uhr, wenn die Baščaršija noch ruhig ist und die Kaffeehäuser frisch geöffnet haben. Im August, während des Sarajevo Film Festivals, ist die ganze Stadt ein einziges literarisch-filmisches Gespräch — dann ist diese Route besonders lebendig.
Das Sarajevo Film Festival — wo Literatur und Kino verschmelzen
Das Sarajevo Film Festival findet jedes Jahr im August statt — neun Tage lang, und es ist das größte Filmfestival Südosteuropas. Was viele nicht wissen: Viele der gezeigten Filme basieren auf Literatur. Grbavica von Jasmila Žbanić (Goldener Bär 2006), No Man's Land von Danis Tanović (Oscar 2002) — das sind keine Ausnahmen, das ist das Muster. Sarajevo erzählt seine Geschichten immer wieder neu, in Büchern und auf der Leinwand.
Wer im August in der Stadt ist, sollte sich Tickets für mindestens eine Vorführung sichern. Die Open-Air-Screenings im Festungsgraben der Gelben Bastion sind unvergesslich — Kino unter Sternenhimmel, mit der Silhouette der Minarette im Hintergrund. Tickets ab ca. 5 KM (ca. 2,50 €).
Sevdah — die Musik als gesprochene Literatur
Wer Sarajevos Literatur verstehen will, muss auch den Sevdah verstehen. Diese traditionelle Musikform ist im Grunde Lyrik, vertont. Melancholisch, tief, oft über Liebe und Verlust. Damir Imamović, der bedeutendste zeitgenössische Sevdah-Interpret, kommt aus Sarajevo. Er hat den Sevdah in die Gegenwart gebracht, ohne ihn zu verbiegen.
Wo man Sevdah live hört: Im Jazz Fest Sarajevo im November taucht er immer wieder auf, oft in unerwarteten Kollaborationen. Oder in kleinen Kaffeehäusern der Baščaršija an Freitagabenden — dann, wenn jemand eine Gitarre mitbringt und anfängt zu singen, ohne Ankündigung, ohne Bühne.
Praktische Infos — literarisches Sarajevo
| Ort | Adresse | Öffnungszeiten | Eintritt / Preis |
|---|---|---|---|
| Vijećnica (Nationalbibliothek) | Obala Kulina bana 1 | Mo–Fr 8–20, Sa 9–17 Uhr | Frei |
| Buybook Buchhandlung | Radićeva 4, Baščaršija | Mo–Sa 9–20, So 10–18 Uhr | — |
| Café Knez | Baščaršija, nahe Sebilj | Täglich 8–22 Uhr | Bosanska Kafa 2–3 KM |
| Café Tito | Ul. Maršala Tita, Marindvor | Täglich 8–23 Uhr | Cappuccino ca. 2 KM |
| Galerija Collegium Artisticum | Branilaca Sarajeva 1 | Mo–Fr 10–20, Sa 10–15 Uhr | Meist frei |
| Sarajevo Film Festival | Verschiedene Spielstätten | August, 9 Tage | Ab ca. 2,50 € (5 KM) |
Währung: Konvertibilna Marka (KM/BAM), 1 € = 1,95583 KM (fest an den Euro gekoppelt). Karte wird in den meisten Cafés und Buchhandlungen akzeptiert, aber Bargeld ist nie falsch.
Anreise: Flughafen Sarajevo (SJJ) liegt nur 12 km vom Stadtzentrum entfernt. Direktflüge aus Frankfurt, Wien, München.
FAQ
Welche Bücher sollte ich vor meinem Sarajevo-Trip lesen?
Unbedingt: Die Brücke über die Drina von Ivo Andrić (Nobelpreis 1961) für den historischen Kontext, und Nowhere Man von Aleksandar Hemon für das zeitgenössische Sarajevo. Wer Deutsch bevorzugt: Andrić ist auf Deutsch hervorragend übersetzt. Hemón ebenfalls. Für einen schnellen Einstieg: Hemóns Kurzgeschichtenband Die Frage von Bruno.
Gibt es in Sarajevo Buchhandlungen mit deutschsprachigem Sortiment?
Buybook (Radićeva 4) hat ein kleines englischsprachiges Sortiment, aber kein deutsches. Für deutschsprachige Bücher über Sarajevo und Bosnien empfiehlt sich die Vorbereitung zu Hause. Vor Ort sind bosnisch-, englisch- und französischsprachige Bücher gut verfügbar.
Wann ist die beste Zeit für einen literarisch-kulturellen Sarajevo-Trip?
August ist wegen des Sarajevo Film Festivals ideal — die Stadt ist kulturell auf Hochtouren. Oktober ist ebenfalls stark: Das MESS Theaterfestival (10 Tage) bringt internationale Avantgarde-Theater in die Stadt. November lockt mit dem Jazz Fest Sarajevo. Wer Ruhe bevorzugt und trotzdem Kultur will: März bis Mai, Vorsaison, weniger Touristen, alle Kaffeehäuser und Buchhandlungen geöffnet.
Wie trinkt man Bosanska Kafa richtig?
Den Würfelzucker (Lokum) in den Mund nehmen, dann den Kaffee durch ihn hindurchschlürfen — nicht den Zucker in die Tasse werfen. Den Kaffee langsam trinken, nicht auf Ex. Die erste Tasse ohne Eile genießen. Nachschenken ist normal und erwünscht. Wer die Džezva leer trinkt, signalisiert, dass er fertig ist.
Ist die Vijećnica (Nationalbibliothek) für Touristen zugänglich?
Ja, der Eintritt ist frei. Die Vijećnica ist heute ein Kulturzentrum und Veranstaltungsort. Die restaurierte Innenarchitektur im maurisch-österreichischen Stil ist beeindruckend. Öffnungszeiten: Mo–Fr 8–20 Uhr, Sa 9–17 Uhr. Adresse: Obala Kulina bana 1.
Gibt es geführte literarische Touren durch Sarajevo?
Offizielle literarische Touren gibt es noch nicht als Standardprodukt. Der große Sarajevo-Rundgang (ab ca. 19 €, Bewertung 4,8/5 mit über 1.330 Bewertungen auf GetYourGuide) streift viele der relevanten Orte. Wer es spezifischer will: lokale Guides über das Sarajevo Tourist Information Center (Zelenih beretki 22a) anfragen — einige bieten thematische Spaziergänge auf Anfrage an.
Mein Fazit — Sarajevo als lebendes Buch
Ich lebe seit mehr als drei Jahrzehnten in dieser Stadt, und ich entdecke sie immer noch neu. Nicht durch neue Sehenswürdigkeiten — die kenne ich alle auswendig. Sondern durch Gespräche. In Kaffeehäusern, in Buchhandlungen, auf der Straße vor der Vijećnica. Sarajevo ist eine Stadt, die erzählt werden will. Von Andrić, von Selimović, von Hemon — und von jedem, der sich hinsetzt, eine Bosanska Kafa bestellt und zuhört.
Wenn du das nächste Mal in Sarajevo bist: Lass das Handy in der Tasche. Kauf dir ein Buch bei Buybook. Setz dich ins Café Knez. Und lass die Stadt dir erzählen, wer sie ist. Sie macht das sehr gut. Sie übt seit Jahrhunderten.
— Mila Čengić, Sarajevo, 2025